Zweite Welle zweiter Art

 

Verschwindet der leibliche Mensch im Cyberspace?

 

Rainer Fischbach

<www.rainer-fischbach.info>

 

Vorbemerkung: Der nachfolgende Text entstand um die Jahreswende 2021/2022, also mitten in einer Phase schärfster Maßnahmen, die angeblich gegen ein grassierendes tödliches Virus ergriffen wurden. Sein Thema ist die damals sichtbar werdende Kontinuität dieser Maßnahmen mit Versuchen in den 1990ern und frühen 2000ern, den Lebenskreis des leiblichen Menschen zu beschränken, um ihn in eine Existenz im Cyberspace zu drängen — nur diesmal nicht mit der Verlockung von Freiheit in grenzenlosen virtuellen Räumen, sondern unter Strafandrohung und dem Antrieb von bewusst geschürter Angst, mit dem Versprechen, so sei das Leben doch viel sicherer. Die erste Hälfte davon, die im Wesentlichen auf die Vergangenheit, die vormalige Begeisterung für den Cyberspace, blickt, erschien am im Januar 2022 auf Makroskop,i die zweite, die die seit 2020 panisch gestimmte Gegenwart ins Visier nahm, blieb unveröffentlicht, weil, so die Redaktion, »zu verschwörungstheoretisch«. Der ganze Text sollte dann die Vorstufe für ein Kapitel des damals entstehenden Buchs zum Thema COVID-19 werden.ii Seine Veröffentlichung online erfolgt jetzt aufgrund einer Nachfrage und des seither entstandenen Eindrucks, dass er in vielfacher Hinsicht aktuell ist — nicht nur bezüglich der Diskussion um die Jahre im Zeichen von COVID-19, sondern auch hinsichtlich der, nicht zuletzt unter dem Einfluss der weithin zu beobachtenden Faszination durch eine neue Variante der Künstlichen Intelligenz wieder auflebenden Debatte über die Informationstechnik und insbesondere das Internet bzw. deren gesellschaftliche Rolle. Zu den Implikationen dieser Entwicklungen und der sie, vor allem in Gestalt eines völlig unkritischen Enthusiasmus, begleitenden Ideologie äußerte ich mich schon in den 1990ern und 200ern.iii

 

Mit den weitgehend Kontaktbeschränkungen, die im Zuge der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des SARS-CoV-2 von Regierungen ergriffen wurden, ging in weiten Bereichen eine Verschiebung von Aktivitäten — Arbeitsbeziehungen, Unterricht und auch privater Austausch — auf elektronische Plattformen einher. Während diese Technik sich in manchen Zusammenhängen schon länger im Einsatz befunden hatte und dadurch dort eine gewisse Routine im Umgang damit vorhanden war, war der Übergang in anderen, insbesondere an den Schulen und Hochschulen, mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Doch auch dort, wo sie prinzipiell nicht neu war, stellten die neuen Muster des Einsatzes wie auch dessen Ausmaß beträchtliche Anforderungen an die Teilnehmer. Zu einer besonderen und in dieser Form neuen Belastung entwickelte sich vor allem die Situation, dass der private Raum unvermittelt zum Schnittpunkt zahlreicher Beziehungen und Aktivitäten geworden war, die dort in dichten zeitlicher Abfolge und oft auch gleichzeitig aufeinandertrafen.

 Der unvermittelte Aufschwung elektronisch vermittelter Beziehungen und Aktivitäten schien Zukunftsvisionen greifbar nahe zu rücken, die schon vor Jahrzehnten propagiert worden waren, doch sich bisher einfach nicht erfüllen wollten: die einer Welt, in der alle Tätigkeit, aller Austausch nahezu ausschließlich elektronisch vermittelt erfolgt. Die einschlägigen Utopien hatten sich damals mit der Erwartung einer großen Befreiung verbunden: einer Befreiung zunächst von den Grenzen, die staatliche Ordnungen den Individuen auferlegen, doch Befreiung auch von den Bindungen an Raum, Zeit und Materie. In der Agenda, die einflussreiche Akteure heute für eine entsprechende Welt vorlegen, ist von Befreiung jedoch nicht mehr die Rede: an die Stelle der libertären Ideale der 1990er tritt jetzt das Interesse an umfassender Sicherheit. Eine Auseinandersetzung mit dieser Agenda legt zunächst einen Blick zurück auf die Versprechungen und Enttäuschungen der letzten Jahrzehnte nahe, um dann diese neue Agenda und vor allem den Kontext, in dem sie sich präsentiert, näher zu betrachten. Dabei ist jedoch nicht nur die Ausgestaltung einer Lebenswelt, in der elektronische Kommunikation eine zentrale Stellung einnehmen soll, von Interesse, sondern auch die Weise in der die Zwänge, die zu einer solchen Welt hinführen sollen, aufgebaut werden.

 

Auf der ersten Welle

 

Es ist schon bald drei Jahrzehnte her, dass eine Welle anhob, steil anstieg und für mehr als ein Jahrzehnt die Feuilletons sowie, etwas zeitverzögert, den Buchmarkt überschwemmte: die des Netzenthusiasmus. Auslöser war der erste Schub der Popularisierung des Internet, das damals noch längst nicht alle, doch ein breiteres gebildetes Publikum jenseits der engeren Kreise der Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker in Unternehmen der einschlägigen Branchen sowie an Hochschulen und Forschungseinrichtungen erreicht hatte. Noch gewichtiger und bedeutungsvoller als das allgegenwärtige Netz erschien jedoch eine geheimnisvolle Entität, durch deren Kenntnis sich die wahrhaft Eingeweihten zu erkennen gaben: der Cyberspace. Dieser sollte sich, zwar durch das Netz ermöglicht, doch über dieses erheben als die Sphäre, in der jene Eingeweihten agierten — eine Sphäre, die nach Meinung ihrer Propagandisten die Erdenschwere hinter sich gelassen hätte.

        Bekannt sind aus jenen Zeiten vollmundige Deklarationen: »Das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts ist der Sturz der Materie«, so begann ein Manifest mit dem Titel »Cyberspace and the American dream«, das sich, laut seines Untertitels, als »Magna Carta for the Knowledge Age« verstand und für das u.a. Ronald Reagans ehemaliger Wissenschaftsberater George Keyworth sowie ein renommierter Neokonservativer wie George Gilder verantwortlich zeichneten.iv Merkwürdigerweise stammte das zweite bedeutende Manifest zum Thema, das wie das vorige mit großen Worten nicht geizte und mit ihm in der ausgesprochenen Verachtung der stofflichen Welt übereinstimmte, aus einem Kontext, den man mit den Neokonservativen nicht in Zusammenhang bringen würde, wenn man die untergründigen Geistesströmungen US-Amerikas nicht kennt: aus dem der Gegenkultur der Westküste, von deren unkonventionellem Auftritt — ihren Formen der Kleidung, des Zusammenlebens und der Aktion, ihrer Neigung zu Drogen und Rockmusik mit oft anstößigen Texten —  man nicht annahm, dass er die Approbation neokonservativer Suits finden könnte.v
        Die »Declaration of the Independence of Cyberspace«, die John Perry Barlow, der als Songschreiber der Grateful Dead, die wie keine andere Band mit der Gegenkultur der Haight Ashbury und dem, durch Ken Kesey mit den Acid-Tests zelebrierten LSD-Kult verbunden war,vi als eine der Schlüsselfiguren jener Szene gelten konnte, 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos vortrug,vii zeichnete sich jedoch nicht nur durch die Verachtung der physischen Welt aus — Aussagen wie »Unsere Welt ist überall und nirgendwo, aber sie ist nicht dort, wo Körper leben« legten davon unmissverständlich Zeugnis ab —, sondern auch durch einen ausgeprägten libertären Impuls, der sich deutlich von der Zentrierung auf den »American Dream« abhob, die das Manifest von Dyson, Keyworth, Gilder und Toffler auszeichnete. Dieser libertäre Impuls gab sich radikal, gegen die »Regierungen der industriellen Welt«, die »trägen Giganten aus Fleisch und Stahl« gerichtet. Barlow verstand sich als Prophet, der eine neue Ordnung verkündete:

»Ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft fordere ich euch, die ihr der Vergangenheit angehört, auf, uns nicht zu belästigen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Regierungsgewalt, wo wir uns versammeln.«  

Doch gab er sich auch als Prophet in der Tradition von Luthers Lehre der zwei Reiche zu erkennen:

»Wir müssen unser virtuelles Selbst eurer Souveränität gegenüber für immun erklären, selbst wenn wir eurer Herrschaft über unsere Körper weiterhin zustimmen. Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf dass keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.«

Im Cyberspace herrscht völlige Freiheit, doch befreit diese weder den leiblichen noch den geistigen Menschen in irgendeiner Weise, denn dort sind alle Gedanken zur Wirkungslosigkeit verurteilt, solange man die Herrschaft über die Körper akzeptiert, bzw. müsse Gedanken, die sich auf die leibliche Befreiung richten, als unschicklich gelten. Genau hierin liegt die strukturelle Ähnlichkeit mit Luthers Lehre der zwei Reiche. Diese Lehre war, wenn auch die Formel in seinen Schriften nirgendwo explizit auftaucht, Luthers Kompromissangebot an die weltliche Obrigkeit. Die »Freiheit eines Christenmenschen« ist weder eine politische noch eine geistige, sondern eine geistliche. Sie beschränkt sich auf die Freiheit von der Sünde, die der wahre Glaube vermitteln soll:

»Und das geschieht so, dass ein Christenmensch durch den Glauben so hoch über alle Dinge erhaben wird, dass er geistlich ein Herr über alle Dinge wird und es kann ihm kein Ding zur Seligkeit schaden.«viii

Doch das mache ihn weder im Tun noch im Denken frei:

»In diesem Sinne gebietet auch Paulus Röm 13 und Tit 3, dass die Christen weltlicher Gewalt untertan sein und zur Verfügung stehen sollten, nicht dass sie dadurch gerecht werden können, sondern dass sie den anderen und der Obrigkeit damit frei dienen sollten und deren Willen aus Liebe und Freiheit täten.«ix

Noch deutlicher wurde Luther wenige Jahre später, als es gegen die Bauern ging:

»Es gefällt seinem göttlichen Willen, daß wir seine Henker ›gnädige Herrn‹ nennen, ihnen zu Füßen fallen und mit aller Demut Untertan sind, sofern sie ihr Handwerk nicht zu weit erstrecken, so daß sie Hirten aus Henkern werden wollen.«x

Solange »die neue Heimat des Geistes« nur jenseits der physischen Welt angesiedelt bleibt, hängt es im Nirgendwo, denn Luthers Lehre von den zwei Reichen kann nur in ihrem genuin theologischen Kontext funktionieren, nicht im Diesseits und zwar weder in dessen physischer noch in dessen geistiger Dimension. Kevin Kelly, eine weitere Schlüsselfigur der Szene von der US-Westküste, sprach diese heimliche theologische Implikation des Enthusiasmus für den Cyberspace aus:

»Die besonderen Gedanken des globalen Geistes − und seine darauf folgenden Handlungen − werden außerhalb unserer Kontrolle und jenseits unseres Verständnisses sein. Folglich werden Netzwerk-Ökonomien eine neue Spiritualität hervorbringen.«xi

Der »globale Geist« für dessen Reich der Cyberspace gehalten wird, bleibt ein bloßer Glaubensartikel, kein Glaubensartikel bleibt dagegen der fortschreitende Einschluss der Subjekte in eine Apparate-Welt, die ihnen den Zugang zur Erfahrung der Welt jenseits derselben verbaut, indem sie permanenten und umfassenden Zugang zur Netzwelt verschaffen. Die Physis, der Bewegungsapparat und die Sinne des Menschen bilden die Basis seiner kognitivem Fähigkeiten und ihrer Entwicklung. Eine geistige Welt ohne physische Basis bleibt Illusion, die sich als umso unhaltbarer herausstellt, als sie den Zugang zur sinnlich erfahrbaren, physischen Welt fortschreitend verstellt. In einem früheren Buch führte ich dazu schon aus:

»Indem die Medienwelt sich im Cyberspace, die Gleichung ›Apparat = Welt(Günter Anders) vollziehend, zur Totalen bläht, verschüttet sie die Erfahrungsquellen, aus denen sich die Moderne einst speiste. Wird jede Erfahrung ein Fabrikat aus der Hand der Bewusstseinsindustrie, ist der Zugang zur Welt vollends verriegelt. Der Cyberspace gibt sich als Matrix und damit als reaktionäre Utopie zu erkennen. Nicht die Befreiung vom Raum, von der Bindung an den Ort findet statt, sondern der Einschluss in das Gehäuse einer entleerten, nur noch aus den Schatten ihres ursprünglichen Inhalts bestehenden Überlieferung.«xii

Im Tal

 

Mit der Aufgabe, die Implikationen und Widersprüche der Kalifornischen Ideologie,xiii wie der Netzenthusiasmus in der durch die zitierten Autoren formulierten Fassung bald genannt wurde, zu erfassen, waren die Feuilletons oft überfordert. Das Netz wurde, in völliger Verkennung der längst nicht nur möglichen, sondern auch ausgeübten Kontrolle, weiterhin als der Erdenschwere enthobener, grenzenloser Raum der Freiheit halluziniert und gefeiert,xiv während seine, die Ausübung von Herrschaft ermöglichende, Verankerung in der materiellen Welt ebenso übersehen wurde wie die Perfektionierung jener Möglichkeiten durch technischen Fortschritt.xv Ernüchterung hinsichtlich der Freiheit brachten 2013 Edward Snowdens Enthüllungen der Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste,xvi während die Einsicht in die materielle Bedingtheit des virtuellen Raums noch langsamer wuchs. Ein wesentlicher Faktor war dabei der unaufhaltsam steigende Energieverbrauch des Netzbetriebs,xvii insbesondere der von expandierenden Anwendungen wie Sprachverarbeitungxviii und Kryptowährungen.xix
        Doch nicht nur, dass die Abhängigkeit der als immateriell imaginierten virtuellen Welt des Netzes von einer physischen Infrastruktur und ihre dadurch ermöglichte Unterwerfung unter herrschaftliche Kontrolle immer deutlicher wurde: auch die stoffliche Welt außerhalb des Netzes, die doch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken sollte, war weiter gewachsen, während die Netzenthusiasten ihren Träumen nachhingen. Der Rohstoff- und der Energieverbrauch der Weltwirtschaft wuchsen insbesondere während es ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts in  einem Maße, der Experten dazu veranlasste, von einem Commodity Supercycle zu sprechen,xx d.h nicht minder unaufhaltsam wie das Netz und seine Nutzung. Letzteres ersetzte weder Steine, Stahl und Zement noch Flugreisen, Bahn- und Autofahrten. Vielmehr schienen das Wachstum der virtuellen und der stofflichen Welt sich sogar gegenseitig zu verstärken. Tatsächlich gehörten die Informatisierung und elektronische Vernetzung der Geschäftsprozesse zu den treibenden Kräften der Metropolisierung, die in den 1980er Jahren eingesetzt hatte.
        Erst die steigende Leistungsfähigkeit der Netze und der Rechner ließ die zentrale Steuerung der Geschäftsprozesse und die dazu komplementäre Ausbildung eines metropolitanen Ökosystems von unternehmensorientierten und humanzentrierten Dienstleistungen zu, während umgekehrt die daraus resultierende Massierung und Verdichtung der Nutzer die kosteneffiziente Bereitstellung des Zugangs zu den Netzen des Verkehrs und der Telekommunikation mit der entsprechenden Infrastruktur  ermöglichte.xxi Der Finanzindustrie kam dabei die Rolle eines Schrittmachers zu.xxii Ebenso offenkundig wie paradoxerweise erlaubten es gerade die wachsenden Möglichkeiten der Datenverarbeitung und Telekommunikation, die Vorteile der räumlichen Nähe auszuschöpfen — der Nähe der Funktionsträger von Unternehmensführung, Finanzierung, Forschung und Entwicklung, Design und Marketing sowie der zahlreichen Dienstleistungen, deren diese bedürfen. Allerdings vermochte die elektronische Verbindung die Notwendigkeit zu oder auch nur das Bedürfnis nach episodischer und oft auch beständiger Reisetätigkeit, sei es von der Zentrale in die Peripherie, sei es auch umgekehrt, nicht aufzuheben. Netzbasierte Kommunikation, verstärkte Zentralisierung und steigendes Verkehrsaufkommen erwiesen sich als Geschwister.  

 Wer sich während der letzten Jahrzehnte regelmäßig in metropolitanen Verdichtungsräumen aufhielt, konnte deren Wachstum beobachten: die Gewerbezonen expandierten und mit ihnen die Speckgürtel, während der Verkehr sowohl im Inneren der Räume als auch zwischen ihnen sich verdichtete, Bürotürme und Hotelneubauten in den Zentren in die Höhe schossen.xxiii Auch die Finanzkrise der Jahre 2007-2009 vermochte diese Entwicklung nur kurzfristig zu unterbrechen und die Wachstumsraten nachfolgend geringfügig abzuschwächen. Die oben geschilderten Entwicklungen fanden statt, auch wenn die Unternehmen in wachsendem Maße Gebrauch von den Möglichkeiten des Netzes machten. Dies ist im Zusammenhang einer sich, nicht zuletzt unter Wahrnehmung dieser Möglichkeiten, verändernden Architektur industrieller Prozesse zu sehen: solche Prozesse begannen, der zuvor skizzierten Entwicklung entsprechend, eine wachsende Zahl von Unternehmensteilen und -standorten sowie von externen Partnern und Dienstleistern zu involvieren, während sie zugleich strikt zentral gesteuert wurden.

        Leistungen, die bisher durch interne, standortgebundene Organisationseinheiten erbracht worden waren vom Facility Management über die Instandhaltung, ja selbst den Betrieb von Produktionsanlagen, die Materialbewirtschaftung und die IT bis hin zu speziellen Konstruktionsaufgaben und dem Feldservice für die Produkte wurden zunehmend von Externen erledigt. Daraus resultierte ein ansteigender Kommunikations- und Reiseaufwand zwischen einer wachsenden Anzahl von Beteiligten über immer weitere Distanzen. Selbstverständlich kamen bereits Werkzeuge, die Konferenzen über das Netz ermöglichen und wie sie heute vielfach genutzt werden, in wachsendem Umfang zum Einsatz. Das typische Szenario bestand jedoch darin, dass an den unterschiedlichen Standorten meist Gruppen zusammensaßen, die ein gemeinsames Tischmikrophon benutzten und die geteilten Dokumente auf der Wandprojektion vor sich hatten, während nur wenige Teilnehmer, sei es, weil sie zuhause oder irgendwo unterwegs waren, sei es, weil sie als einzige an ihrem Standort dabei waren, alleine vor ihrem Rechner saßen.

 Doch ungeachtet der Möglichkeiten des Netzes wollte niemand, zumindest wenn es im die Mitarbeiter im Kernteam, um besonders intensive Projektphasen oder um die Klärung entscheidender Punkte auch mit Externen ging, auf die physische Präsenz verzichten. Das gilt immer noch, wenn es um zeitkritische Operationen geht, bei denen der Ausfall eines Beteiligten in Folge gestörter Netzverbindung desaströs wäre. Wenn Mitarbeiter an Standorten in weit auseinanderliegenden Zeitzonen gemeinsam Projekte bearbeiten, ergeben sich daraus zusätzliche Friktionen, weil sich dadurch die Zeitfenster für gemeinsame Treffen im Netz verengen — was insbesondere die Möglichkeit, auf aktuelle Problemlagen ad hoc zu reagieren, vermindert. Wer z.B. im Rahmen eines Entwicklungsprojektes etwa um 13:00h MEZ ein Problem mit einer Komponente entdeckt, für die ein Kollege in Indien verantwortlich ist, hat meist keine Chance mehr, diesen noch am selben Tag zu erreichen, weil dort schon 18:30 und kaum noch jemand bei der Arbeit ist. Beim nächstmöglichen Termin um 8:00h MEZ ist dort schon der halbe Arbeitstag vorbei und eine Lösung, die umfangreichere Klärungen und Anpassungen erfordert, wahrscheinlich frühestens einen weiteren Tag später realisierbar. Noch größer sind die Probleme des Inders mit Kollegen in Amerika und ähnlich groß deren Probleme mit Kollegen in Deutschland.

 Völlig unrealistisch sind die, immer wieder durch die Feuilletons geisternden, Vorstellungen von einer Arbeit, die mit der Sonne um die Erde läuft und es so ermöglicht, Projektlaufzeiten entscheidend zu verkürzen. Die unmittelbare Übernahme der Arbeit an demselben Modul durch andere Bearbeiter würde einen unverhältnismäßigen Kommunikationsaufwand erzeugen und ein hohes Fehlerrisiko einschließen. Die Verkürzung von Projektlaufzeiten verlangt immer eine Parallelisierung, die eine Gliederung des Arbeitsvolumens in weitgehend unabhängige Module — und das heißt auch: eine entsprechende Planung — voraussetzt. Abhängigkeiten zwischen Modulen setzen der Parallelisierung jedoch Grenzen. Arbeitsteilung ohne stabile, klar definierte Abgrenzungen und Schnittstellen stellt ein Rezept für Ineffizienz und schwere Fehler dar. Doch auch für den reibungslosen Ablauf der parallelen Arbeiten ist es — siehe oben — eher von Nachteil, wenn sie in unterschiedlichen Zeitzonen stattfinden.          

 Während der vier Jahrzehnte, in denen die elektronische Kommunikation über das Netz unaufhaltsam expandierte, war sie dessen ungeachtet nicht dazu in der Lage, die physische Präsenz zu ersetzen, sondern tendierte eher dazu, deren Lücken, etwa bei vorübergehender Abwesenheit, zu füllen, wenn nicht gar, den Bedarf an Reisen, um wenigstens episodische Präsenz herzustellen, zu steigern. Das Netz erschien zunächst oft als ein Medium, das die Kooperation entfernter Partner ermöglichte, die in deren Verlauf dann die Vorteile bzw. auch Notwendigkeit gelegentlicher Präsenz entdeckten. Die Muster, die sich so herausgebildet hatten, sollten durch die Maßnahmen, die zur Bekämpfung des SAR-CoV-2 ergriffen wurden, entscheidende Veränderungen erfahren. Die Frage ist, ob und in welchem Maße diese Veränderungen Bestand haben werden. Wird dem politischen und medialen Blowup des Virus die bisher ausgebliebene weitgehende Verlagerung der menschlichen Begegnung und Interaktion in das Netz folgen?

 

Die zweite Welle

 

Die Aufarbeitung des gesamten Spektrums der Folgen, die mit den, seit März 2020 von Regierungen weltweit getroffenen, Maßnahmen zur Eindämmung des SAR-CoV-2 einhergingen und daraus weiter hervorgehen werden, wird noch lange Zeit brauchen und wahrscheinlich nicht abschließend zu leisten sein. Nachfolgend soll es hauptsächlich um die unmittelbar zu beobachtenden Auswirkungen des sogenannten Social Distancing gehen, sofern es zu neuen Mustern der Nutzung des Netzes für Arbeit und Lernen führt sowie,· ohne Anspruch auf Vollständigkeit, um einige davon zu erwartende psychosoziale Konsequenzen. Die neuen Muster unterscheiden sich von den zuvor beschriebenen vor allem dadurch, dass die Kommunikation über das Netz nicht die räumlichen Lücken zwischen Gruppen an unterschiedlichen Orten bzw. einzelnen vorübergehend abwesenden Mitgliedern derselben schließt, sondern tatsächlich die primäre Weise des Austauschs zwischen atomisierten, räumlich, wenn auch nicht unbedingt durch weite Distanzen, so doch durch staatliche Interventionen, getrennten, Individuen darstellt. Zudem werden nicht nur Arbeitszusammenhänge wie die zuvor beschriebenen, vorzugsweise im Management sowie im Wissenschafts- und Technologiesektor angesiedelten, wo entsprechende Mittel schon lange genutzt wurden und damit eine gewisse Vertrautheit damit gegeben war, sondern auch solche, wo dies bisher, wie in der Welt der herkömmlichen Sachbearbeiter und im Bildungsbereich, überwiegend nicht der Fall war, gezwungen, sich in kurzer Zeit an diesen Modus anzupassen. Daraus resultiert eine Situation, die durch drei Merkmale geprägt ist:

  1. 1.den Flaschenhals der elektronischen Kommunikation, der für den Austausch aller an einem Vorhaben Beteiligten bei einem Treffen nur einen einzigen Kanalxxiv bereitstellt; 
  2. 2.die Überlastung der häuslichen Lebenswelt durch die simultane elektronische Präsenz unterschiedlichster Kontexte; 

  3. 3.die zeitliche Verdichtung in der Abfolge von Kommunikationsereignissen.  

Ad 1.: Gleichgültig ob Gruppenbesprechung, Ausschusssitzung, Seminarveranstaltung oder Konferenz: das Treffen im physischen Raum ermöglicht den spontanen Austausch zwischen einzelnen Teilnehmern bzw. Kleingruppen von solchen neben dem zentralen Ereignis, das dem erklärten Zweck der Zusammenkunft dient. Nicht selten finden die interessantesten Gespräche auf Konferenzen in den Pausen bzw. beim Abendessen statt. Auf den Treffen, die in Dienstleistungsunternehmen regelmäßig stattfinden, deren Mitarbeiter verstreut bei unterschiedlichen Kunden arbeiten, ist der spontane Austausch mit den Kollegen mindestens so wichtig wie die Fachvorträge, die dabei stattfinden. Das Zusammentreffen bei Lehrveranstaltungen ist für Schüler und Studenten auch der Ausgangspunkt für weitere Interaktionen und gemeinsame Vorhaben vom Lesekreis bis zum Kneipenbesuch. Die netzbasierten elektronischen Formate eliminieren diese Kommunikationen. Eine offene Frage ist, welche Folgen das nicht nur für die persönliche Entwicklung der Individuen sowie das Webmuster der gesellschaftlichen Beziehungen hat, sondern auch für den Erfolg von Unternehmen, der gerade in wissensbasierten Bereichen stark von dieser Art von Kommunikation abhängt. Selbst die elektronische Kommunikation zwischen zwei befreundeten Personen im Privatbereich wird von diesen meist als unbefriedigend empfunden, weil die Synchronisation der Aufmerksamkeit durch Blicke schon nicht funktioniert, während gemeinsames Raumerlebnis und Kontakt durch Berührungen ohnehin nicht möglich sind. Hier entstehen tiefe emotionale Defizite.xxv

 Ad 2.:  Kontexte, die bisher in unterschiedlichen und auch klar getrennten Räumen angesiedelt waren, stoßen nun in meist engen Wohnräumen oder meist nicht minder engen Provisorien wie Hotelzimmern, Zugabteilen oder Wartezonen zusammen. In Mehrpersonenhaushalten verschärft sich diese Situation mit jedem Mitglied, das an einer Form der elektronischen Kommunikation über das Netz teilnimmt. Was dabei stattfindet, ist keine Rückkehr in die Idylle des ländlichen Haushalts, in dem die, hauptsächlich durch natürliche Rhythmen bestimmten, Funktionen der Produktion und Reproduktion zwar zusammenfallen, doch durchaus auch in räumlich distinkten Umgebungen — Wohnraum, Werkstatt, Stall, Scheune, Garten, Acker, Wald, Weide und Dorfanger — und zu spezifischen Zeiten vollzogen werden. Vielmehr hört mit der weitgehenden Verlagerung von Arbeit, Schule und Freizeit in die Wohnung der persönliche Raum auf als solcher zu existieren und wird zum Schnittpunkt funktional unterschiedlicher, fremdbestimmter Kommunikationsräume, die jeweils eine eigene Agenda entfalten und ihn in Besitz nehmen. Im Falle einer Familie mit schulpflichtigen Kindern, in der beide Elternteile berufstätig sind, sind das die von zwei Arbeitsumgebungen, die selbst möglicherweise schon in mehrere Projekte und Linienpositionen zerfallen, zu denen sich die Schulklassen der Kinder sowie die Umgebungen des Konsums, diverser Freizeitbeschäftigungen, von Freundeskreisen und Verwandtschaft gesellen.

 Ad 3.: Indem die Zäsuren, die durch überlieferte Rhythmen, den Wechsel des Orts oder auch nur durch den im Raum vollzogenen Wechsel der Gesprächspartner entstehen, wegfallen, verwandelt sich Kommunikation in einen ungegliederten, nirgendwo verankerten Strom. Gespräche, die sich bisher über einen Tag oder sogar ein Woche verteilten, werden oft in wenige Stunden zusammengepresst. Es falle dann unerhört schwer, so ein Stimme aus dem Management eines IT-Dienstleisters, die besprochenen Punkte wieder zu sortieren.

 Folgenreich ist die geschilderte Konstellation nicht nur, weil sie die Betroffenen überlastet, sondern auch, weil sie bewährte Muster der raumzeitlichen Einbettung menschlicher Tätigkeit und menschlichen Austauschs zerstört — mit Auswirkungen auf das Geflecht der gesellschaftlichen Beziehungen und Institutionen, dessen Veränderungen wiederum das individuelle Befinden und Verhalten beeinflussen. Beobachtungen aus der Kinder- und Jugendpsychiatriexxvi deuten darauf hin, dass sich hier schwere Hypotheken auftürmen. Bewegung in sinnfällig gegliederten, sozial markierten, bedeutsamen Räumen verleiht der in ihrem Zusammenhang ausgeübten Tätigkeit und deren Erleben Struktur und Orientierung, die Welt- und Selbsterfahrung ermöglichen. Die mnemotechnische Methode, zu erinnernde Inhalte an vorgestellten Orten abzulegen, versucht ja z.B., sich die Fundierung kognitiver Leistungen in der Erfahrung von Differenzierung und physischer Bewegung im Raum zunutze zu machen.

 Die Verlagerung der Arbeit in die Wohnung setzt einen Trend fort, der schon vor den 2020 eingeführten Kontaktbeschränkungen erkennbar war: die Praxis, möglichst große Büroräume mit möglichst vielen Beschäftigten zu füllen, die nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben, d.h zur selben Organisationseinheit gehören oder an demselben Projekt bzw. Teilprojekt arbeiten. Die parallele Abwicklung von zahlreichen Ferngesprächen und Telekonferenzen, doch schon der dadurch verursachte Geräuschpegel, erzwingen die Benutzung von Kopfhörern, die man auch aufbehält, wenn man in keine Telekommunikation verwickelt ist — meistens um dann die bevorzugte Musik zu hören. Die soziale Interaktion und der spontane Austausch von Gedanken, die überschaubare Arbeitsplätze, an denen gemeinsam an denselben Aufgaben gearbeitet wird, auszeichnet, verschwindet in solchen Anordnungen. Auch Rituale wie der gemeinsame Gang zur Kantine finden immer seltener statt.xxvii Hier wird in den bisher privilegierten Zonen der hochqualifizierten Arbeit die Tendenz erkennbar, die Arbeitsbedingungen an das Niveau von Callcentern anzupassen.

 Besonders schwer wiegt der Entzug des physischen und gesellschaftlichen Raum-Zeitbezugs bei denen, die sich noch in frühen Entwicklungsphasen befinden — angefangen bei den Kindern, die dabei sind, die ersten Schritte in die Welt außerhalb des engeren Umkreises der elterlichen Wohnung zu machen, bis hin zu den Jugendlichen, die am Anfang einer Berufsausbildung oder, was heute auf nahezu die Hälfte eines Jahrgangs zutrifft, eines Studiums stehen. Dazu gehörte bisher, neue Menschen, neue Räume, neue Praktiken, die sich darin vollziehen, wie z.B. die Benutzung einer wissenschaftlichen Bibliothek oder eines Labors, kennenzulernen, Unabhängigkeit vom elterlichen Haushalt zu gewinnen und sich in neuen Umgebungen als eigenständiger Teilnehmer zu behaupten. Das fiel lange Zeit aus und wird gegenwärtig nur beschränkt unter Bedingungen, wie z.B. einen gewissen Impfstatus, gewährt, die viele ausschließen — was bedeutet, dass denen, die in den letzten beiden Jahren die Hochschulreife erworben haben, der Eintritt ins akademische Leben verwehrt wird. Giorgio Agamben sieht hier den Verlust einer Lebensform:

»Ein wesentlich entscheidender, und doch bezeichnenderweise verschwiegener Aspekt der aktuellen Entwicklung ist indes das Ende des Studentendaseins als Lebensform. In Europa sind die ersten Universitäten aus Studentenvereinigungen — den universitates — hervorgegangen. Diesen verdanken sie übrigens auch ihren Namen. Das Studium war also zunächst eine Lebensform, bei der das Lernen und die Teilhabe an den Vorlesungen eine ebenso bedeutende Rolle spielten wie das Zusammensein und der rege Austausch mit den anderen scholarii, die aus weit entfernten Orten kamen und sich je nach Herkunft verschiedenen Korporationen — den nationes — angeschlossen.«xxviii    
Aus einem Andauern des aktuellen Zustands wird eine Generation von Akademikern hervorgehen, der nicht nur wesentliche Teile der entsprechenden Sozialisation, sondern auch  die kognitiven Fähigkeiten und die Weltorientierung, die man in deren Verlauf erwirbt, fehlen. Es fehlen der Austausch nicht nur im Seminarraum, sondern auch im Café, in der Kneipe, in der Mensa, in der WG-Küche, und die Anstöße, die man dabei erhält. Aus der Professorenschaft sind Stimmen zu vernehmen, die eine »digitale Verwahrlosung«, die »Verstümmelung der Kommunikation« wahrnehmen und beobachten, dass die elektronischen Formate die Studenten dazu verführen, sich in eine »Nische der Passivität« zurückzuziehen,xxix d.h. sich damit zu bescheiden, nicht den Mut zu finden, sich durch die Teilnahme am Gespräch zu erproben.
        Mit der Schließung von Schulen und Hochschulen, mit Social Distancing und der Flucht aus den Geschäftsräumen in die Wohnungen unter der, die Realität eher beschönigenden, Formel Home Office hat die Nutzung der elektronischen Kommunikation über das Netz ein Ausmaß erreicht, welches das der 1990er um Größenordnungen übertrifft. Doch vom damaligen Enthusiasmus ist nichts mehr zu spüren. Die einst erträumte unendliche Weite des Cyberspace hat sich auf die Enge eines Alltags zusammengezogen, in dem sich allzu viele, kaum vereinbare Anforderungen drängen. Die Stimmung ist eher gedrückt und die Promotoren der Entwicklung gehen auch nicht mehr mit den Versprechen der Schwerelosigkeit, der unendlichen Räume der Freiheit hausieren, sondern schätzen und preisen eher die Macht des Virus, den doch eigentlich notwendigen und längst überfälligen Fortschritt erzwungen zu haben. Nicht Freiheit, sondern Sicherheit ist die Losung des Tages und im Zeichen des Virus steht auch die verschärfte Forderung, dass wir »weltlicher Gewalt untertan sein und zur Verfügung stehen sollten«.xxx

 

Das neue Regime

 

Während die Masse der Bevölkerung unter den zur Eindämmung des SARS-CoV-2 getroffenen Maßnahmen zum Teil beachtliche Einkommensverluste, durchgängig jedoch eine einschneidende Reduktion des ihr verfügbaren Bewegungsraumes ebenso wie der ihr gestatteten Sozialkontakte hinnehmen musste sowie durch das simultane Hereinbrechen und die Verdichtung von Anforderungen der Außenwelt in ihre private Sphäre eine immense Belastung ihrer Lebenssituation erlitt, vermochten manche Unternehmen — insbesondere Konzerne der Informationstechnik, der Pharmazie, der Logistik, des Einzel- und des Online-Handels — ihre Geschäfte zu expandieren sowie die an deren Kapital Beteiligten ihren realen und, noch mehr, ihren fiktiven Reichtum gewaltig zu mehren.xxxi Die offenkundig schon gegebene Antwort auf die Frage ›cui bono‹ ist geeignet, Spekulationen über eine hinter jenen Maßnahmen stehende Agenda bzw. entsprechenden Akteuren ebenso Nahrung zu geben wie deren offenkundiger Mangel an einer evidenten wissenschaftlichen Fundierung.xxxii

 Das Projekt der Pandemic Preparedness wurde, ausgehend von den USA, seit den 1990ern von Regierungen und Militärs, diversen Stiftungen sowie Teilen der medizinischen und mikrobiologischen Fachwelt verfolgtxxxiii und nahm in den Jahren vor der Ausrufung der COVID-19-Pandemie immer konkretere Gestalt an in Form von Stabsübungen, die unter Beteiligung von Unternehmen der Pharma- sowie der Medienindustrie erfolgten. Diese Übungen betonten neben Impfungen die sogenannten Non-Pharmaceutical Interventions (NPI), also Kontaktverfolgung und Quarantäne für als Virenträger Identifizierte, Social Distancing und Lockdown, d.h. Schließung von Einrichtungen mit Publikumsverkehr, Reise- und Kontaktbeschränkungen sowie eine massive Beeinflussung der Öffentlichkeit durch koordinierte, uniforme Medienbotschaften.xxxiv Vor diesem Hintergrund und angesichts der Praxis, bestehende Beschränkungen auch ohne erkennbare Notlage immer wieder zu verlängern, fällt es schwer, Giorgio Agambens Beobachtung zu widersprechen: »Es ist offensichtlich — und die Regierungen erinnern uns unaufhörlich daran —, dass die ›soziale Distanzierung‹ zum neuen politischen Modell aufsteigen wird.«xxxv

 Klaus Schwab, Gründer und Direktor des WEF, gehört zu den Personen, die sich der öffentlichen Aufmerksamkeit darbieten, sobald es um die hidden agenda der Pandemie-Ausrufung und die möglichen Akteure einer solchen geht. Indem er, zusammen mit Thierry Malleret, auch noch ein Buch veröffentlichte,xxxvi in dem er mit seiner Deutung der Ereignisse auch die Lehren präsentierte, die daraus zu ziehen seien, sorgte er dafür, dass jene Aufmerksamkeit sich erst recht auf ihn konzentrierte. Möglicherweise wird ihm zu viel der Ehre angetan bzw. des Diabolischen angedichtet, wenn man in ihm den Meisterkonspirateur sieht. Eine treffendere Charakterisierung seiner Rolle ist eher die des Impressarios der Milliardäre, der alljährlich in Davos das Spitzenspektakel im Welttheater der Ideologien ausrichten darf. Im Parkett treiben sich Teile des Fußvolks aus Politik, Medien und Wissenschaft herum, die man bis dahin vorgelassen,xxxvii auf den Rängen neben den kleineren Milliardären diejenigen, die man daraus für höhere Weihen kooptiert hat und die bei Bedarf eine Nummer auf der Bühne geben dürfen, während die Herren (inklusive Damen), die das alles bezahlen, ihre Logenplätze einnehmen. Dort wird man sich sicher auch besuchen, bei dieser Gelegenheit die eine oder andere Abmachung treffen und auch mit einem Gläschen begießen. Sicher stellt sich die Frage, welchen Anteil genau jenes Spektakel bzw. die mit seiner Veranstaltung befasste Organisation an der politischen und medialen Gleichschaltung hatte, die kurz nach der Aufführung des Jahres 2020 und nur wenige Monate nach dem letzten Pandemie-Planspiel im Herbst 2019 zu beobachten war.xxxviii Spielten westliche Politiker und Medien das Geschehen in China zunächst herunter, avancierte die Kunde von einem bösartigen, tödlichen Virus, gegen das es keine Immunabwehr gäbe und das sich deshalb exponentiell verbreite, unvermittelt zur Meistererzählung, während die NPI zu obligatorischen Abwehrmitteln erklärt wurden und die Aussicht auf die Impfung zum exklusiven Heilsversprechen geriet. Die Leistung von Schwab und Malleret besteht nun darin, die bekannte Erzählung vom Virus, von den Eindämmungs- und Heilmitteln in eine umfassende einzubauen, die eine neue Gesellschaft verspricht, die aus dem Durchschreiten des Tals der Viren durch ein Great Reset hervorgehen soll. Jener Gesellschaft werde ein neuer Vertrag zugrunde liegen,xxxix der den Stakeholder Capitalism an die Stelle des neoliberalen setze.xl

        Unbeirrt von aller entgegenstehenden wissenschaftlichen Evidenz übernehmen Schwab und Malleret die Version der exponentiellen Verbreitung des Virus und der unausweichlichen Notwendigkeit von NPIxli ebenso wie die Erwartung der Rettung durch die Impfung: für sie ist klar, »[…] dass  eine vollständige Rückkehr zur ›Normalität‹ nicht vorstellbar ist, bevor es einen Impfstoff gibt«.xlii Den Impfstoff gibt es inzwischen und er wurde zumindest in den Industrieländern auch weithin verabreicht,xliii doch das Leben gestaltet sich immer noch recht abnorm — was nicht nur an der Weigerung der Regierungen, die immer deutlicher hervortretenden Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass weder Impfung noch NPI das Virus aus der Welt schaffen werden, sondern auch daran liegen mag, dass die versprochene Normalität nämlich »eine ›neue Normalität‹, die sich radikal von jener unterscheidet, die wir nach und nach hinter uns lassen werden«, sein soll.xliv Bis dahin gelte natürlich, dass »der wirksamste Weg, die Übertragung des Virus einzudämmen oder zu stoppen, die Durchführung umfassender Tests, gefolgt von Isolierung erkrankter Patienten, Rückverfolgung der Kontakte und Quarantäne der Kontaktpersonen, die den Infizierten ausgesetzt waren« ist.xlv Schwab und Malleret sprechen zwar vom »return of ›big‹ government«,xlvi doch sind es dann außer dem Instrumentarium der Repression erstaunlich wenige politische Interventionen bzw. institutionelle Veränderungen, die sie für diskussionswürdig halten, während sie sich ganz sicher sind, dass »[…] die Regierungen öffentlich-private Partnerschaften stark fördern [werden], so dass die Privatunternehmen stärker in die Abschwächung globaler Risiken einbezogen werden«.xlvii Ansonsten sollen es weniger die Governments, sondern mehr die Global Governance, die Corporate Responsibility und die Consumer Awareness erledigen.
        Staatliche Maßnahmen werden diskutiert und auch angemahnt, sofern sie dem Paradigma der Pandemic Preparedness folgen. Doch wenn das »›big‹ government« mehr entsprechende Vorsorge trifft bzw. dazu aufruft, bedeutet das nicht notwendigerweise, das die Qualität des öffentlichen Gesundheitssystems steigt. Vielmehr legen historische Muster nahe, dass dies mit weiteren, dem neoliberalen Modell folgenden, Einschnitten einhergehen kann.xlviii Die Milliarden für sinnlose Tests und Impfungen, die, für die meisten Betroffenen neben den großen Kapitalgesellschaften ohnehin zudem völlig unzureichenden Kompensationen von Schäden durch die NPI hätte man sinnvoller für anderes ausgeben können, während eine an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte Reform des Gesundheitswesens weiter entfernt scheint als jemals zuvor. Vor allem: ein großer Teil der Schäden, den man der Bevölkerung und ganz besonders Kindern und Jugendlichen zugefügt hat, wird auch durch noch so viel Geld nicht zu revidieren sein. Destruktion und Zerfall sind leider oft irreversible Prozesse.
        Wenn linke Kräfte heute, in dem Glauben, damit das öffentliche Gesundheitswesen zu stärken, mit an der Pandemie-Panik schüren, könnte sich das als Eigentor erweisen. Dass Staaten es versäumt haben, genügend Material, z.B. Schutzkleidung zu bevorraten, wird kritisiertxlix und auch, wenn das Fehlen der Möglichkeit, sich ohne Lohnverzicht krankschreiben zu lassen, dazu führt, dass Beschäftigte mit Symptomen zur Arbeit gehen und dadurch Erreger verbreiten.l Der Sinn der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall reduziert sich dabei auf die Unterstützung der NPI — wobei hier auch der Gedanke naheläge, dass die Krankschreibung doch entfallen könnte, sofern die Arbeit auch von zuhause aus zu erledigen wäre. ›Verantwortungsbewusste‹ Beschäftigte könnten doch grundsätzlich, d.h. auch unabhängig von auftretenden Symptomen, einen Selbsttest ausführen, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machen und fernbleiben, wenn dieser positiv ausfällt. Findige Unternehmen könnten das auch zur Pflicht machen und vor allem muss das nicht auf das SARS-CoV-2 beschränkt bleiben. Es gibt ja noch so viele andere Viren, auf die man testen könnte, und es werden neue gefunden werden.li Dass hier, als Nebeneffekt der Pandemie-Ausrufung und der allgemeinen Infektionspanik, ein vielversprechender Markt entsteht, ist unübersehbar. Es ist schon die Rede von einer »post-coronavirus revolution in diagnostics«.lii Dass ein positives Testergebnis eben noch keine Diagnose darstellt und dass massenhaftes Testen vor allem auch Massen an falschen Ergebnissen produziert, muss die Industrie, die auf entsprechende Geschäfte spekuliert, nicht kümmern.

 

Die scheinbare Verschmelzung

 

Die Grundstimmung, die Schwab und Malleret verbreiten, läuft auf die Perpetuierung von Angst — ein Virus geht um und das nächste steht schon vor der Tür — und Social Distancing hinaus sowie die Gewöhnung an entsprechende Maßnahmen, nicht zuletzt an die Verschiebung von Aktivitäten ins Netz:

»Zu einigen unserer alten Gewohnheiten werden wir sicherlich zurückkehren […], aber viele der technischen Verhaltensweisen, die wir während der Lockdowns annehmen mussten, werden sich einfach durch die Gewöhnung weniger fremd anfühlen. Da das Social und Physical Distancing weiterbesteht, wird sich die Abhängigkeit von digitalen Plattformen für Kommunikation, Arbeit, Beratung oder Bestellungen nach und nach gegenüber früheren Gewohnheiten durchsetzen. […] Wenn gesundheitliche Erwägungen höchste Priorität haben, können wir z.B. entscheiden, dass ein Fahrradkurs vor einem Bildschirm zu Hause zwar in keinster Weise mit der Geselligkeit und dem Spaß eines Anwesenheitskurses in der Gruppe vergleichbar ist, aber er ist eben sicherer (und billiger!).«liii
Der eindimensionale, reduktionistische Gesundheitsbegriff, der solche Überlegungen leitet, ist der Gleiche, dem auch die offizielle Politik folgt. Er geht davon aus, dass der Mensch eine Maschine sei, die von allem, was man für negative Einflüsse hält, abgeschirmt und gegebenenfalls eben repariert werden müsse. Es ist wohl kein Zufall, dass in den letzten Monaten die Werbung für einschlägige Sportangebote, die Geräte, Vernetzung und entsprechende Kurse umfassen, massiv zugenommen hat. Der Gospel, dass via Netz, mittels elektronischer Geräte und Software alles »sicherer, billiger, grüner« wird, zieht sich durch das ganze Buch. Davon macht auch die Bildung keine Ausnahme. Um die Zukunft der traditionellen Hochschulen mit Präsenzveranstaltungen sei es schlecht bestellt. Insbesondere das dem Vorbild der angelsächsischen Traditionsanstalten folgende Geschäftsmodell der Eliteuniversitäten sei in pandemischen Zeiten gefährdet. COVID-19 hätte es obsolet gemacht, weil niemand die dort üblichen horrenden Gebühren für fortgesetzten Distanzunterricht zu zahlen bereit sei.liv Dem liegt entweder die Annahme zugrunde, dass eine Rückkehr zum vollumfänglichen Präsenzunterricht so schnell nicht zu erwarten sei, oder die starke Absicht bzw. ein entsprechendes Interesse, den Distanzunterricht zur Norm zu erheben.  

 Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, Fabrik bzw. Büro und Wohnung, privater, geschäftlicher und öffentlicher Sphäre zerfließt — die räumliche Differenz spielt keine Rolle mehr, wenn der Raum selbst von erfahrbarer Bedeutung entleert und jeder Ort, jeder Augenblick durch beliebige Funktionsanforderungen gefüllt werden kann. Doch nicht nur Telearbeit, Telelernen, Telesport,lv auch Telemedizinlvi und, mehr noch, eine bevormundende, alle erdenklichen Möglichkeiten der Kontrolle einschließende, Bewirtschaftung der Interaktion von Menschen mit ihrer häuslichen, beruflichen und sonstigen Umwelt, ihrer Gesundheit und Befindlichkeit, gehören zu den angesagten Neuerungen:

»Wie in jeder anderen Branche wird die Digitaltechnik eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft des Gesundheits- und Wellness-Sektors spielen. Die Kombination von KI, Internet der Dinge, Sensoren und tragbarer Technologie wird neue Einblicke in das gesundheitliche Wohlbefinden der Menschen ermöglichen. Diese Systeme werden überwachen, wie es uns geht und wie wir uns fühlen, und sie werden nach und nach die Grenzen zwischen den öffentlichen und den persönlich gestalteten Gesundheitssystemen verwischen − eine Unterscheidung, die irgendwann einfach nicht mehr bestehen wird. Datenströme in vielen verschiedenen Bereichen, die von unserem Umfeld bis hin zu unseren persönlichen Befindlichkeiten reichen, werden uns eine viel größere Kontrolle über unsere eigene Gesundheit und unser Wohlbefinden ermöglichen. In der Welt nach Corona werden präzise Informationen über unseren CO2-Fussabdruck, unsere Auswirkungen auf die Biodiversität, die Toxizität aller Inhaltsstoffe, die wir konsumieren, und die Umgebungen oder räumlichen Kontexte, in denen wir uns bewegen, bedeutende Fortschritte unseres Bewusstseins für das kollektive und individuelle Wohlbefinden bewirken.«lvii

Man fragt sich, wer oder was sich hinter dem so frequent bemühten »uns« verbirgt. Der hier zur Norm erklärte Mensch fühlt nicht mehr, wie er sich befindet, sondern bekommt dies als Resultat der maschinellen Auswertung eines Aggregats von Messwerten gesagt, und er wird auch nicht mehr tun, was sein Gespür ihm sagt, sondern was eine App ihm vorschlägt. Nicht er kontrolliert seinen Zustand und seine Handlungen, sondern ein maschinelles System und beides, Zustand und Handlungen, wird für die Mächte zutage liegen, die jenes System beherrschen, betreiben und gestalten: die Akteure des Gesundheitssystems — Ärzte, Kliniken, Gesundheitsämter, Krankenkassen, Pharmaindustrie —, Arbeitgeber, die weitere Versicherungswirtschaft, die Internet-Plattformen und sicher auch die Geheimdienste. Über all den Anforderungen der Arbeits- und der Konsumwelt stehen die einer neuen Religion: der Medizin, deren Liturgie den Vollzug des Lebens bestimmt:

»Die kultische Praxis ist nicht mehr ein freier Akt aus eigenem Antrieb, allein Sanktionen einer geistlichen Ordnung ausgesetzt, sondern muss zur verpflichtenden Norm erhoben werden. Das insgeheime Einverständnis zwischen Religion und weltlicher Macht ist sicher nichts Neues; doch nun geht es nicht mehr, wie im Fall der Häresie, um das Bekenntnis zu den Dogmen, sondern — und das ist ganz neu — ausschließlich um die Feier des Kultes. Die weltliche Macht hat dafür zu sorgen, dass die Liturgie der Religion namens Medizin, die jetzt mit dem ganzen Leben zusammenfällt, in der Praxis exakt eingehalten wird.«lviii

Aus den Maßnahmen, die der erklärten Pandemie gelten sollten, soll also nicht nur die Auflösung der raumzeitlichen Ordnung von Arbeit und Leben, deren Ersetzung durch die jederzeitige Disponibilität via Netz an jedem Ort und zu jeder Zeit hervorgehen, sondern Arbeit und Leben sollen auch den Imperativen des maschinellen Modells der Gesundheit unterworfen werden:

»In der bürgerlichen Demokratie wurde allen Bürgerinnen und Bürgern ein ›Recht auf Gesundheit‹ zugesprochen. Heute schlägt dieses Recht um in eine gesetzliche Verpflichtung zur Gesundheit, die es um jeden Preis zu erfüllen gilt — und keiner scheint es zu bemerken.«lix
Offen bleibt dabei nicht nur die Frage, wie viel Widerstand diesen Bestrebungen erwachsen wird, sondern auch, ob das Modell des jederzeit, an jedem Ort disponiblen Menschen, dessen Befinden sich nur noch in, kontinuierlich erfassten und maschineller Steuerung unterliegenden, Messwerten widerpiegelt, tatsächlich funktionieren wird oder ob die menschliche Natur, sofern sie nicht in Worten und Taten widersteht, dies durch Versagen tun wird. Offen ist auch die Frage, wie sich beständige Telearbeit auf die Qualität der Kooperation und schließlich der Ergebnisse und wie sich die Dominanz des Telelernens auf die kognitive Entwicklung auswirkt. Das Leben unter Infektionsangst und Social Distancing macht krank: dass Menschen Nähe, Gespräche und Berührung ebenso wie leibliche Betätigung und Bewegung brauchen, um gesund zu bleiben, ist nicht nur intuitiv, durch Lebenserfahrung verständlich, sondern auch durch empirische Wissenschaft bestätigt. Die immunsuppressive Wirkung von Angst ist ebenso durch Messungen nachgewiesen wie die Steigerung der Abwehrkräfte durch positive Erlebnisse und Bewegung.lx Gesundheit ist mit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit verbunden. Das Immunsystem benötigt zudem, wie alle Organe, beständiges Training, um nicht zu verkümmern. Permanenter, flächendeckender Infektionsschutz schwächt es nicht nur, sondern übt zudem einen Selektionsdruck zugunsten stärker infektiöser Varianten der Pathogene aus. Auch Impfungen, die, wie die aktuell in den westlichen Ländern gegen COVID-19 bevorzugten genetischen oder proteinbasierten, nur ein ein singuläres Antigen adressieren, bringen nur einen Selektionsdruck zugunsten von Varianten mit verändertem Antigen hervor, die bei Pathogenen mit hoher Evolutionsrate sehr schnell entstehen.lxi

 Nicht zu vergessen ist schließlich die Frage, ob die Demokratie überleben kann, wenn die elektronische Kommunikation von isolierten Individuen über das Netz zur Norm wird. Die in der Literatur behandelte Thematik der Erregungswellen und weiterer Hässlichkeiten in den sogenannten sozialen Medien sei hier ausgeklammert. Ein ernstes Problem ist jedoch nicht nur, dass die elektronischen Formate die Vielfalt des Austauschs, die physische Präsenz ermöglicht, beschneiden, sondern auch, dass die diversen Plattformen und Softwarelösungen, auf denen die Kommunikation über das Netz basiert, keine Öffentlichkeit konstituieren. Sie stellen privates Gelände dar, auf dem, wie in letzter Zeit deutlich geworden, die Betreiber ihr Hausrecht ausüben und, durch fragwürdige Gesetze gezwungen, sogar zu Zensurinstanzen werden, gegen deren Entscheidungen den Rechtsweg zu beschreiten mangels klarer gesetzlicher Regeln mit hoher Unsicherheit verbunden ist. Der Willkür privater Hausherren ausgeliefert ist das Individuum jedoch nicht nur bezüglich seiner Meinungsäußerung, sondern auch bezüglich seiner Wohnung im elektronischen Raum. Während die Unverletzlichkeit der Wohnung im physischen Raum zu den rechtsstaatlichen Grundsätzen gehört, gibt es in dem elektronischen Raum, in den das Individuum jetzt umziehen soll, keinen solchen geschützten Bezirk. Auch die fristlose Kündigung kann jederzeit ausgesprochen werden.

 Mit dem Great Reset offerieren Schwab und Malleret eine soziotechnische Utopie, in der alle Lebensbereiche und -aspekte vereinigt und mittels pervasiver digitaler Elektronik dem Superziel Sicherheit entsprechend gesteuert werden sollen. Offenkundig ist, dass die genannten Ziele der Überwachung fingiert sind. Dass es möglich wäre, jederzeit den CO2-Fußabdruck jedes Individuums oder die Auswirkung von dessen Handlungen auf die Biodiversität zu kennen, ist erstens eine eher lächerliche Form der Hochstapelei und zweitens auch nicht notwendig, um dem Stoffwechsel zwischen Menschheit und Natur eine Gestalt zu geben, die der menschlichen Existenz Menschlichkeit und Dauer verleiht. Es gibt einfach zu viele, auch nicht immer eindeutig zuzuordnende Vermittlungsglieder zwischen Individuum und dem Zustand des Kosmos, die zudem teils chaotisch und teils unerhört träge arbeiten, um das wirklich wissen zu können. Ebenso wenig ist es möglich, die Auswirkung jeder einzelnen Handlung auf das individuelle oder gar das kollektive Wohlbefinden zu kennen. Notwendig ist vielmehr ein genaues Wissen über und eine bewusste Gestaltung der Makrostruktur, der institutionellen Konfiguration sowie der wesentlichen Fluss- und Bestandsgrößen des Stoffwechsels zwischen Menschheit und Natur. Doch solche Überlegungen scheinen den Herren des WEF weniger zu gefallen. Ja, schließlich muss es auch die Möglichkeit einer selbstbestimmten Einrichtung des Lebens innerhalb der planetarischen Grenzen geben, doch keinen präpotenten Überwachungs- und Steuerungsapparat, der sich im Leben der Individuen einnistet. In der Geschichte des Lebens wäre das ein Novum, das dessen Prinzipien widerspräche. Nichts reguliert sich dort durch ein derartiges, von außen aufgezwungenes System.

        Das Versprechen des Great Reset beruht auf einer mechanistischen  Ideologie, der totalitäre Züge zu eigen, jegliche Kenntnis des Lebendigen und seiner Entwicklung dagegen fremd sind. »Fortschritte unseres Bewusstseins« wird diese Ideologie nicht bringen, sondern eher dessen Verfinsterung und eine zunehmende Blindheit für die Bedingungen des Lebens. Sie macht Pharma- und IT-Konzerne reich, wirkt für alle anderen jedoch eher pathogen.

iRainer Fischbach: Verschwindet der leibliche Mensch im Cyberspace? Makroskop 2, 18. Januar 2022 <https://makroskop.eu/02-2022/verschwindet-der-leibliche-mensch-im-cyberspace/> (03.05.2026).

iiRainer Fischbach: Ein Virus zum Beispiel: Wie eine Gesellschaft Vernunft und Humanität verlor — und wie sie wiederzugewinnen wären. Düren: Shaker Media, 2023.

iiiDazu sei hier verwiesen auf Rainer Fischbach: Mythos Netz: Kommunikation jenseits von Raum und Zeit? Zürich: Rotpunktverlag, 2005 <https://www.rainer-fischbach.info/fischbach_mythos_netz_2005.pdf> (08.03.2021). Einen Rückblick auf dieses Werk vor dem Hintergrund der seitherigen Entwicklung bietet Rainer Fischbach: Mythos Netz. In: Heidrun Friese, Marcus Nolden, Miriam Schreiter (Hrsg.): Handbuch Soziale Praktiken und Digitale Alltagswelten. Wiesbaden: Springer VS, 2026 (Springer Reference Sozialwissenschaften), 77–87 <https://doi.org/10.1007/978-3-658-08460-8_58-1> (25.05.2025).

ivEsther Dyson, George Gilder, George Keyworth, Alvin Toffler: Cyberspace and the American dream: A Magna Carta for the Knowledge Age. Washington DC: Progress & Freedom Foundation, 1994 <http://www.pff.org/issues-pubs/futureinsights/fi1.2magnacarta.html> (08.03.2021).

vDazu Rainer Fischbach: Der Mythos des 21. Jahrhunderts? Vom Krieg der Sterne zum Cyberspace. Blätter für deutsche und internationale Politik 6, Juni 1998, 677685 <https://www.academia.edu/50356712/Der_Mythos_des_21_Jahrhunderts_Vom_Krieg_der_Sterne_zum_Cyberspace> (29.07.2021) und Fred Turner: From Counterculture to Cyberculture: Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism. Chicago IL: The University of Chicago Press, 2006.

viDazu Lutz Dammbecks Dokumentarfilm Das Netz (2004) <http://www.t-h-e-n-e-t.com/> (20.03.2021) und das Begleitbuch Lutz Dammbeck: Das Netz − die Konstruktion des Unabombers. Hamburg: Edition Nautilus, 2005.

viiJohn Perry Barlow: A Declaration of the independence of cyberspace. World Economic Forum, Davos, 8. Februar 1996 <https://www.eff.org/de/cyberspace-independence> (08.03.2021).

viiiMartin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Wittenberg, 1520, These 15 <https://www.luther2017.de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-der-freiheit-eines-christenmenschen/index.html> (20.03.2021).

ixLuther 1520, a.a.O., These 28.

xMartin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. Wittenberg, 1523  <https://www.luther2017.de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-weltlicher-obrigkeit-wie-weit-man-ihr-gehorsam-schuldig-sei/index.html> (20.03.2021).

xiKevin Kelly: Out of control: The new biology of machines, social systems, and the economic world. Reading MA: Addision-Wesley, 1994, 201−202.

xiiFischbach 2005, 254−255. Das eingebettete Zitat findet sich bei Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München: Beck, 1980, 111.

xiiiRichard Barbroke, Andy Cameron: The Californian ideology. Science As Culture 6, 1996. <https://doi.org/10.1080/09505439609526455> (26.07.2021).

xivEin Beispiel aus der Flut entsprechender Beiträge ist Mathias Mertens: Wie ein Handzettel an einer Hauswand. der Freitag 10, 9. März 2007 <https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wie-ein-handzettel-an-einer-hauswand> (08.03.2021).

xvRainer Fischbach: Die Tiefe der Täuschung: Internet und Zensur. der Freitag 13, 30. März 2007, 17 <http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-tiefe-der-tauschung> (30.09.2020).

xviEdward Snowden: Permanent Record. London: Macmillan, 2019.

xviiNicola Jones: How to stop data centres from gobbling up the world’s electricity: The energy-efficiency drive at the information factories that serve us Facebook, Google and Bitcoin. Nature 561, 12. September 2018, 163−166 <https://doi.org/10.1038/d41586-018-06610-y> (22.12.2021).

xviiiEmma Strubell, Ananya Ganesh, Andrew McCallum: Energy and Policy Considerations for Deep Learning in NLP. Proceedings of the 57th Annual Meeting of the Association for Computational Linguistics, 2019, 3645−3650 <https://doi.org/10.18653/v1/P19-1355> (11.07.2021).

xixKatie Martin, Billy Nauman: Bitcoin’s growing energy problem: It’s a dirty currency. Financial Times, 20. Mai 2021 <https://www.ft.com/content/1aecb2db-8f61-427c-a413-3b929291c8ac> (11.07.2021).

xxDieser wurde primär durch die Expansion der chinesischen Wirtschaft angetrieben, von der jedoch auch westliche Länder, darunter an erster Stelle Deutschland, profitierten. Dazu Javier Blas, Jack Farchy: The World For Sale: Money, Power and the Traders who Barter the Earth’s Resources. London: Random House, 2021, 175−196 und die sehr instruktive Rezension diese Werks durch Felix Martin: The World For Sale — rollicking yarns from the biggest commodity boom. Financial Times, 2. März 2021 <https://www.ft.com/content/631df8a3-5a82-43cb-8d68-bb4cada455ee>.

xxiFischbach 2005, 189−251.

xxiiMeilensteine in der theoretischen Bearbeitung dieser Entwicklngen waren Saskia Sassen: The global city: New York, London, Tokyo. Princeton NJ: Princeton University Press, 1991 mit einer zweiten Auflage 2001 und dies.: Cities in a World Economy. Thousand Oaks CA: Pine Forge Press, 1994.

xxiiiAls Berater in global operierenden Technologieunternehmen hatte ich in dem betreffenden Zeitraum Gelegenheit entsprechende Beobachtungen machen. Diesem Zusammenhang entstammen auch die nachfolgenden Bemerkungen zur Nutzung netzbasierter Kommunikation im Verhältnis zu der bei physischer Präsenz.

xxivDie Chat-Funktion, die Softwareprodukte für Telekonferenzen anbieten, stellt keinen eigenständigen Kanal dar, der z.B. mit dem Pausengespräch vergleichbar wäre, sondern ist dem dominierenden Kanal funktional untergeordnet und leidet auch bei direkter Adressierung an einzelne Teilnehmer am Fehlen der Aufmerksamkeitszentrierung und Verbindlichkeit, die das Gespräch in physischer Präsenz auszeichnen.

xxvDiese Defizite schildert sehr eingehend Wiebke Hollersen: “Früher traf ich Freunde, heute höre ich Podcasts”. Berliner Zeitung 305, 31. Dezember 2021, 15.

xxviThomas Pany: Kinder und Jugendliche in der (Corona-)Krise: Massive Vernachlässigung. Telepolis, 19. Mai 2021 <https://www.heise.de/tp/features/Kinder-und-Jugendliche-in-der-Corona-Krise-Massive-Vernachlaessigung-6050032.html> (18.07.2021). Ein Spotlight auf die Situation wirft der Bericht über eine füffache Steigerung der Zahl von Kindern, die nach einem Selbstmordversuch in Intensivbehandlung sind. Dazu Philippe Debionne: Lockdown: Bis zu 500 Kinder nach Selbsttötungsversuchen auf Intensivstationen. Berliner Zeitung, 7. Januar 2022 <https://www.berliner-zeitung.de/news/lockdown-bis-zu-500-kinder-nach-selbsttoetungsversuchen-auf-intensivstationen-li.204692> (09.0.2022).

xxviiNoreena Hertz: The Lonely Century: A Call to Reconnect. London: Sceptre, 2020, Kap. 7.

xxviiiGiorgio Agamben: An welchem Punkt sind wir? Die Epidemie als Politik. Wien: Turia + Kant, 2021, 115 (Hervorhebung im Original).

xxixMiloš Vec: Wir Kinder vom Bahnhof Zoom. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 2021, 14 <https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/virtuell-verwahrlost-erfahrung-mit-der-digitalen-lehre-17417232.html> (13.07.2021).

xxxLuther 1520, a.a.O., These 28.

xxxiDie Reichen werden weltweit immer reicher. Manager Magazin, 7. Oktober 2020 <https://www.manager-magazin.de/finanzen/coronavirus-ohne-auswirkungen-fuer-milliardaere-die-reichen-werden-immer-reicher-a-1fae6ba5-5809-4f44-a29d-20aeee303c1a> (18.07.2021). Der jährliche Milliardärsreport des weltgrößten Vermögensverwalters, der Schweizer Großbank UBS, und des Unternehmungsberatungsnetzwerkes Pricewaterhouse Coopers, auf dessen Ausgabe für 2020 sich auch dieser Artikel bezieht, liegt für das Jahr 2021 zum Zeitpunkt der Abfassung des vorliegenden Textes noch nicht vor, doch deuten alle Zeichen, insbesondere die ansteigenden Konzerngewinne und Börsennotierungen von Unternehmensanteilen, darauf hin, dass sich die Entwicklung der Vermögen des obersten Promille der Verteilung sich auch in diesem Jahr weiter von der allgemeinen Entwicklung abkoppelt. Die letzte Ausgabe UBS/PwC: Riding the storm: Market turbulence accelerates diverging fortunes. Billionaires insights 2020. Zürich: Union Bank of Switzerland, 2020 <https://www.ubs.com/content/dam/static/noindex/wealth-management/ubs-billionaires-report-2020-spread.pdf> (24.07.2021).  

xxxiiAndreas Sönnichsen: Covid-19: Wo ist die Evidenz? In: Hannes Hofbauer, Stefan Kraft (Hrsg.): Lockdown 2020: Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern. Wien: Promedia, 2020, 5568; Rainer Fischbach: Back to the Basics. Makroskop 50, 22. Dezember 2020 <https://makroskop.eu/50-2020/back-to-basics/>  (22.12.2020); ders.: Krankheit und Angst, Ausgrenzung und Überwachung: die Enteignung des Lebens. In: Hannes Hofbauer, Stefan Kraft (Hrsg.): Herrschaft der Angst: Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand. Wien: Promedia, 2021, 279298.

xxxiiiEine Geschichte dieses Konzepts, die auch das dahinter stehende wissenschaftliche Paradigma einer detaillierten Analyse unterzieht, bietet Carlo Caduff: The Pandemic Perhaps: Dramatic Events in a Public Culture of Danger. Oakland CA: University of California Press, 2015.

xxxivDie Geschichte dieser vorbereitenden Übungen erzählt Paul Schreyer: Chronik einer angekündigten Krise: Wie ein Virus die Welt verändern konnte. Frankfurt am Main: Westend, 2020.

xxxvAgamben 2021, 90.

xxxviKlaus Schwab, Thierry Malleret COVID-19: The Great Reset. Genf: World Economic Forum, 2021. <http://reparti.free.fr/schwab2020.pdf> (25.07.2021).

xxxviiHier sei daran erinnert, dass es in den fürstlichen Schauspielhäusern der Vergangenheit im Parkett, wo die niederen Stände dem Geschehen folgten oder sich anderweitig vergnügten, keine Sitzgelegenheiten gab.

xxxviiiSchreyer 2020, Kap. 6.

xxxixSchwab, Malleret 2020, 95.

xlSchwab, Malleret 2020, 185.

xliSchwab, Malleret 2020, 4546.

xliiSchwab, Malleret 2020, 48.

xliiiDie Impfquote, die zur Erreichung der sogenannten Herdenimmunität, die zur Rückkehr in die Normalität führe, erforderlich sei, wurde immer wieder heraufgesetzt: von 60 auf 70% und dann auf 80%, doch war von Anfang an klar, dass auch 100% nicht ausreichen werden, weil bei respiratorischen Viren, insbesondere solchen mit einem hohe Evolutionsraten aufweisenden RNA-Genom, eine Herdenimmunität nicht erreichbar ist. Das Äußerste ist ein endemischer Gleichgewichtszustand.

xlivSchwab, Malleret 2020, 12.

xlvSchwab, Malleret 2020, 159160.

xlviSchwab, Malleret 2020, 89.

xlviiSchwab, Malleret 2020, 94.

xlviiiCaduff 2015, 16.

xlixSchwab, Malleret 2020, 98.

lSchwab, Malleret 2020, 99100.

liNachdem das Szenario der Bedrohung durch neue Erreger, die als genetische Varianten von, in der Humanmedizin bereits bekannten oder von bisher nur im Tierreich beheimateten, Bakterien und insbesondere Viren auftauchen und für Menschen eine gesteigerte Pathogenität entwickeln, von Anfang an den Hintergrund der Pandemic Preparedness gebildet hatte, stellte sich zunehmend als Problem heraus, dass es insbesondere angesichts der hohen Evolutionsraten von Viren (z.B. derer mit RNA-Genom wie Influenza- und Coronaviren) kaum möglich ist, objektiv zu bestimmen, was ›neu‹ bedeutet. Dazu Caduf 2015, 87103.

liiAnna Gross: The revolution in DIY testing that will outlive the pandemic. Financial Times, 2. Juni 2021 <https://www.ft.com/content/c9565eb8-4250-495c-bce9-93d786e3bb9f> (18.07.2021).

liiiSchwab, Malleret 2020, 154155.

livSchwab, Malleret 2020, 203.

lvSchwab, Malleret 2020, 207.

lviSchwab, Malleret 2020, 155.

lviiSchwab, Malleret 2020, 206.

lviiiAgamben 2021, 81.

lixAgamben 2021, 95 (Hervorhebung im Original).

lxChristian Schubert: COVID-19 — eine biopsychosoziale Krankheit? In: Hofbauer, Kraft (Hrsg.) 2021, 139158; ders.: Christian Schubert: Stresstest Corona: Warum wir eine neue Medizin brauchen. Norderstett: BoD, 2021.

lxiDazu Rainer Fischbach: Wägen ohne Gewichte und andere Paradoxien − zu einigen unterbelichteten Details der Impffrage. Nachdenkseiten, 13. August 2021 <https://www.nachdenkseiten.de/?p=73236> (13.08.2021) und das Interview von Jens Berger mit dem Biochemiker Stefan Tasler: »Wir haben mit der aktuellen Impfstrategie eine gemähte Wiese für die Etablierung von Mutationen geschaffen, die dem Impfprinzip entkommen«. Nachdenkseiten, 13. Dezember 2021 <https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2021/12/211213-Tasler-Interview-komplett-NDS-JB-1.pdf> (Abruf 13.12.2021).